Islamisches Zentrum Hamburg
Delicious facebook RSS An einen Freund senden drucken speichern XML-Ausgabe HTML-Ausgabe Output PDF
Nachrichten Code : 196017
Datum der Veröffentlichung : 10/24/2018 10:45:00 AM
Aufrufe : 376

Bekanntschaft mit dem Qur’an (2)

Freitagsansprache von 05.10.2018
von Hujjat ul-Islam Dr. Mofatteh

 Im Namen Allahs, des Barmherzigen, des Allerbarmers

Aller Lobpreis gebührt Gott, dem Erhabenen, dem Herrn aller Welten. Wir danken Ihm für Seine Gnade und Seine Gaben und bitten Ihn um Hilfe und Rechtleitung in allem, was wir tun, und hoffen, dass Er uns in Seine Gunst aufnimmt. Sein Frieden und Segen sei mit unserem Propheten Muhammad, seinen reinen Nachkommen und seinen rechtschaffenen Gefährten. O Diener Gottes, ich rate mir selbst und Ihnen allen zur Ehrfurcht vor Gott und zum Gehorsam gegenüber Seinen Geboten.

Die Art und Weise der Offenbarung

Wir erwähnten, dass der barmherzige Prophet, der Friede Gottes sei mit ihm und seiner Familie, im Zuge der direkten Offenbarung ein Gefühl der Schwere verspürte. Infolge dieser Schwere erwärmte sein Körper und auf seiner gesegneten Stirn bildeten sich Schweißperlen. Falls er in einem solchen Zustand auf einem Reittier saß, senkte es sich beinahe zu Boden. Imam Ali, der Friede sei mit ihm, spricht: „Als die Sura Al-Ma’ida dem Propheten offenbart wurde, ritt er ein Kamel, welches „Schahba“ genannt wurde. Der Druck der Offenbarung wog derart schwer, dass das Tier stehen blieb und in Richtung Boden sackte. Als ich sah, dass sein Bauch beinahe in Berührung mit der Erde kam, überkam es dem Propheten und er legte seine Hand auf einen seiner Gefährten.“ [1] Ubadah ibn Samit überliefert: „Während der Herabsendung einer Offenbarung zogen sich die Wangen vom Propheten, der Friede Gottes sei mit ihm und seiner Familie, zusammen und seine Farbe wandelte sich. In dieser Verfassung senkte er seinen Kopf und die Gefährten taten es ihm gleich.“ [2]

Die Geschichte um Waraqah ibn Nufel

Waraqah ibn Nufel war ein Cousin von Chadidscha, der vergleichsweise gebildet war und mehr oder weniger Informationen über den Werdegang der Propheten besaß. Über ihn heißt es, dass er den Kummer und die Sorgen des barmherzigen Propheten zu Beginn seiner Berufung nahm und ihm Trost spendete. Al-Bukhari, Muslim, Ibn Hischam und Al-Tabari erzählen die Geschichte wie folgt:

Als sich Muhammad in der Höhle Hira ausschließlich Gott widmete, ertönte plötzlich ein Laut in seinem Ohr, der ihn rief. Er erhob seinen Kopf, damit er sehen konnte, von wem er kam und sah sich sodann mit einem angsteinflößenden Wesen konfrontiert. Egal wohin er sich begab, sah er sein furchtbares Gesicht. In diesem Zustand der Angst fiel er für einige Zeit in Ohnmacht. Schließlich führte seine Abstinenz zur Sorge seiner Ehefrau Chadidscha, sodass diese jemanden nach ihm aussendete, doch er war nicht imstande den Propheten ausfindig zu machen. Schlussendlich erwachte der Prophet und begab sich in einem Zustand der inneren Leere und Unruhe nachhause. Chadidscha fragte ihn, was ihm vorgefallen sei, woraufhin ihr entgegnet wurde: „Mir ist das widerfahren, wovor ich mich fürchtete.“ Chadidscha entgegnete, dass er keine Zweifel an sich haben sollte, schließlich sei er ein Mann Gottes und Gott verlässt so jemanden nicht. „Sicherlich ist es die frohe Kunde einer leuchtenden Zukunft“, so Chadidscha. Um den Kummer des Propheten vollkommen zu entfernen, nahm sie ihn mit zu Waraqah ibn Nufel und schilderte diesem das Geschehnis. Waraqah stellte dem Propheten daraufhin einige Fragen und sprach am Ende dieses Prozesses zum Propheten: „Sei nicht bekümmert, dies ist eben jene rechte Botschaft, die zuvor auch Moses offenbart wurde und nun auch dich ereilt hat. Sie berichtet über deine kommende Prophetenschaft.“ Als der Prophet diese Worte vernahm, beruhigte er sich und sprach erleichtert, dass er nun weiß, er sei ein Prophet.

Diese Geschichte gehört zu den frei erfundenen Erzählungen, die seitens Personen mit Groll im Herzen aus den ersten beiden Jahrhunderten des Islam in Umlauf gebracht wurden. Sie stellten sich als Muslime vor und beabsichtigten mit der Verbreitung von solchen surrealen Geschichten die allgemeine Öffentlichkeit bei Laune zu halten und überdies in den Glaubensüberzeugungen für Verwirrung und Fehler zu sorgen und letzten Endes dem Islam vollends den Garaus zu machen.

Wie könnte es möglich sein, dass einem Propheten, der sämtliche Stufen der Vervollkommnung erreicht hat und bereits weit vor seiner eigentlichen Berufung zum Propheten die Kunde über seine Prophetenschaft in sich spürte, derlei Wahrheiten verborgen bleiben? Vor allem auch unter Betrachtung dessen, dass er den Gipfel des Intellekts in sich vereinigte:

إنّ اللّه وجد قلب محمد صلّى اللّه عليه و آله أفضل القلوب و أوعاها، فاختاره لنبوّته

Wie sollte es möglich sein, dass ein Mensch mit derartigen Exzellenzeigenschaften in einer solch brisanten Situation sorgenreich wird und an sich zweifelt, während diese Sorgen und der Kummer anschließend durch die Erfahrung seiner Frau und die Fragen eines Mannes mit einfacher Bildung plötzlich ausgeräumt werden und er zur Überzeugung gelangt ein göttlicher Prophet zu sein?

Weiterhin bestehen folgende Kritiken an der aufgeführten Erzählung:

1.        Die Überlieferungskette der Geschichte schließt nicht lückenlos an den ersten Erzähler an. Deshalb kann sie nicht als vollkommen authentisch klassifiziert werden.

2.        Diese Geschichte wurde in unterschiedlichen Versionen überliefert, welches an und für sich ein Merkmal für ihre falsche Konstruktion darstellt. So wird in einer anderen Erzählung berichtet, dass Chadidscha alleine zu Waraqah gegangen ist. Oder in einer anderen Geschichte wird wiederrum erzählt, dass Waraqah den Propheten im Zustand der Umkreisung des Gotteshauses getroffen habe. Woanders wird überliefert, dass Abu Bakr zu Chadidscha kam und ihr sagte, dass sie Muhammad zu Waraqah bringen solle. Die unterschiedlichen Versionen erreichen ein Ausmaß, die den Leser in Verwirrung darüber bringen lässt, ob und welcher Version er nun trauen soll, da sie miteinander nicht in Vereinbarung zu bringen sind.

3.        In den meisten Überlieferungstexten wird ferner über Waraqah aufgeführt, dass dieser dem Propheten seine Gefolgschaft versichert haben soll, falls er seine Berufung als Prophet miterleben sollte. Obwohl Waraqah dann tatsächlich Zeuge seiner Berufung wurde und zu diesem Zeitpunkt noch am Leben war, wurde ihm niemals die Ehre zuteil ein Anhänger der Religion des Islam zu werden.

Die Schreiber der Offenbarung

Der Prophet des Islam wurde von keiner Person im Zustand des Lesens und Schreibens gesehen. Deshalb wurde er als „Ummi“ bezeichnet, also jemand, der hinsichtlich des Lesens und Schreibens gleich einem Säugling ist, der soeben aus dem Schoß seiner Mutter auf die Welt gekommen ist und von keinem Lehrer im Alphabet unterrichtet wurde. Auch vom heiligen Qur’an wird er so bezeichnet:

·       Diejenigen, die dem Gesandten, dem Propheten, dem Ungelehrten, folgen. [3]

·       So glaubt an Allah und Seinen Gesandten, den ungelehrten Propheten. [4]

·       Er ist es, Der unter den Ungelehrten einen Gesandten von ihnen hat erstehen lassen. [5]

Es ist zu beachten, dass das nicht gelehrt worden sein nicht gleichbedeutend mit der Unfähigkeit hinsichtlich des Lesens und Schreibens einhergeht. Was mit dem Qur’an als Wunder im Zusammenhang steht, ist, dass dieser nicht durch den Propheten niedergeschrieben und seine Schrift durch ihn nicht verlesen wurde. Es kann somit nicht davon ausgegangen werden, dass der Prophet des Islam nicht lesen und schreiben konnte. Der heilige Qur’an spricht dahingehend:

„Und du hast vordem kein Buch verlesen und es auch nicht mit deiner rechten Hand geschrieben. Sonst würden wahrlich diejenigen zweifeln, die (es) für falsch erklären.“ [6]

Dieser Vers ist ein Beleg dafür, dass der Prophet nichts niederschrieb und verlas, doch er ist kein Nachweis dafür, dass er nicht imstande war zu lesen und zu schreiben. Und dass er trotz der Fähigkeit dazu nichts geschrieben und verlesen hat, ist an und für sich genug gewesen, um seine Widersacher zum Verstummen zu bringen, da sie den Propheten für einen Analphabeten hielten.

Weiterhin ist das Wissen um die Schrift ein Wert und die Kenntnislosigkeit gegenüber der Schrift ein Mangel. Da sämtliche Exzellenzeigenschaften des Propheten durch die besondere Gnade Gottes in ihm entstanden sind und er zu keiner Zeit bei einem Lehrer am Unterricht teilgenommen hat, er folgerichtig göttliches Wissen besaß, ist ein solcher Mangel mit der Heiligkeit des Wesens des barmherzigen Propheten nicht in Vereinbarung zu bringen.

Dass er absichtlich vor anderen nicht geschrieben und gelesen hat, diente dazu, die Beweisführung über seine Widersacher abzuschließen und jeglichen Zweifel darüber auszuräumen, dass der heilige Qur’an von der Bibel oder der Thora entnommen wurde und somit kein göttliches Buch darstellt. Deshalb benutzte der Prophet Personen, die die Offenbarungen zu den verschiedenen Anlässen verschriftlichten. Dafür wählte er in Mekka und Medina die gebildetsten und erfahrensten Personen aus.

Die erste Person, die in Mekka für das Amt des Schreibers ausgewählt wurde, war seine Exzellenz Ali ibn Abi Talib, der Friede Gottes sei mit ihm. Der Prophet bestand darauf, dass Imam Ali das Offenbarte niederschreibt und dokumentiert, damit nichts vom heiligen Qur’an verloren geht und die göttliche Offenbarung stets ein Begleiter seiner Exzellenz Ali wird. Bis zum Ableben des Propheten betraute er dieses Amt.


Als die Menschen sich in der Moschee von Kufa um seine Exzellenz Imam Ali versammelten, sprach er: „Fragt mich, solange ich noch unter euch weile. Fragt mich über das Buch Gottes. Bei Gott, es wurde kein Vers offenbart, der nicht durch den gütigen Propheten für mich vorgetragen, ausgelegt und erläutert wurde.“ Abdullah ibn Amr Jaschkeri, bekannt unter dem Namen Ibn al-Kawwa‘, fragte: „Wie ist es mit den Offenbarungen, bei denen Sie nicht zugegen waren?“ Imam Ali antwortete: „Als ich zum Propheten ging, sagte dieser: ‚O Ali, während deiner Abwesenheit sind einige Verse offenbart worden.‘ Sodann unterrichtete er mich darüber und erläuterte mir ihre Auslegung.“ [7]

Die erste Person, die in Medina mit der Verschriftlichung der Offenbarung betraut wurde, war Ubay ibn Ka’b al-Ansari. Er war schon in der vorislamischen Zeit mit der Schrift vertraut. Er gehörte zu denen, denen die Ehre zuteilwurde den kompletten Qur’an vom Propheten aufgesagt zu bekommen.

Zayd ibn Thabit hatte in der Nachbarschaft zum Propheten in Medina ein Haus und konnte schreiben. Immer wenn der Prophet zu Beginn der Angelegenheit in Medina jemanden benötigte, der die Offenbarung verschriftlicht und Ubay ibn Ka’b nicht zugegen war, ließ er Zayd ibn Thabit zu sich rufen, damit dieser die Offenbarung niederschreibt.

Dementsprechend waren die hauptsächlichen Schreiber der Offenbarungen Ali ibn Abi Talib, Ubay ibn Ka’b und Zayd ibn Thabit. Ihnen folgten andere Schreiber, die aber eine eher untergeordnete Rolle einnahmen.

Zur Zeit des Propheten schrieb man auf alles, worauf es möglich war zu schreiben, u.a.:

1.        Auf der breiten Seite der Zweige von Dattelbäumen

2.        Auf schmale und helle Steine

3.        Auf Blätter

4.        Auf Tierhäute

Nachdem die Offenbarungen verschriftlicht wurden, wurden diese im Hause des Propheten gesichert und aufbewahrt. Die Verse wurden ordnungsgemäß in den Suren gespeichert. Mit der Offenbarung von „Im Namen Gottes, des Gnädigen, des Begnadenden“ begann eine Sura und wurde zugleich eine vorangegangene beendet. In der Zeit des Propheten wurden die Suren nicht geordnet.



[1] Vgl.: Qur’an-Exegese von Al-Ayyashi, B. 1, S. 388.

[2] Vgl.: Al-Tabaqat von Ibn Sa’d, B. 1, S. 131.

[3] Heiliger Qur’an, Sura Al-A’raf (7)/157:

الَّذِينَ يَتَّبِعُونَ الرَّسُولَ النَّبِيَّ الْأُمِّيَّ

[4] Heiliger Qur’an, Sura Al-A’raf (7)/158:

آمِنُوا بِاللَّـهِ وَرَسُولِهِ النَّبِيِّ الْأُمِّيِّ

[5] Heiliger Qur’an, Sura Al-Dschum‘a (62)/2:

هُوَ الَّذِي بَعَثَ فِي الْأُمِّيِّينَ رَسُولًا مِنْهُمْ

[6] Heiliger Qur’an, Sura Al-Ankabut (29)/48:

وَ ما كُنْتَ تَتْلُوا مِنْ قَبْلِهِ مِنْ كِتابٍ وَ لا تَخُطُّهُ بِيَمِينِكَ إِذاً لَارْتابَ الْمُبْطِلُونَ

[7] Vgl.: Al-Hilali, Sulaym ibn Qays: Al-Saqifa, S. 213-214.


Kommentar



Zeige nichtöffentliche
تصویر امنیتی :