Islamisches Zentrum Hamburg
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Datum der Veröffentlichung : 10/11/2017 3:24:00 PM
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Die Religiöse Lebensweise (24)

Freitagsansprache von 29.09.2017
von Ayatollah Dr. Ramezani Imam und Leiter des Islamischen Zentrums Hamburg e.V

Im Namen Allahs, des Barmherzigen, des Allerbarmers
Aller Lobpreis gebührt Gott, dem Erhabenen, dem Herrn aller Welten. Wir danken Ihm für Seine Gnade und Seine Gaben und bitten Ihn um Hilfe und Rechtleitung in allem, was wir tun, und hoffen, dass Er uns in Seine Gunst aufnimmt. Sein Frieden und Segen sei mit unserem Propheten Muhammad, seinen reinen Nachkommen und seinen rechtschaffenen Gefährten. O Diener Gottes, ich rate mir selbst und Ihnen allen zur Ehrfurcht vor Gott und zum Gehorsam gegenüber Seinen Geboten.


Da eine religiöse Gemeinschaft aus gläubigen Personen besteht, müssen diejenigen, die in einer religiösen Gemeinschaft mit religiösen Verordnungen leben wollen, ihre Denk- und Sichtweise diesen religiösen Verordnungen anpassen. Sie dürfen nicht ihr Verständnis der Religion aufzwängen, sondern versuchen – mit Hilfe der Gelehrten – sich mit den religiösen Gepflogenheiten vertraut zu machen, sie richtig zu verstehen und ihr Leben danach zu richten. Mit anderen Worten muss derjenige, der die richtigen religiösen Verordnungen kennt, sein Leben auch nach diesen Verordnungen gestalten.

Subjektive und selektive Ansichten über die Religion der Hauptgrund für Religionsfeindlichkeit

Einige versuchen, aus verschiedenen Beweggründen, der Religion ihre eigenen Ansichten und Glauben aufzuzwängen, oder auch den anderen diese Sichtweise, dass die Religion keine Lebensverordnung beinhaltet, zu induzieren. Diese glauben beispielsweise, dass das, was im Koran steht, nur eine handvoll Geschichten, und ein paar Predigten und Weisheiten, ist. Daher kann man darin auch keine Richtungsweisung fürs Leben finden. Manche gehen sogar so weit, dass sie sagen, dass einige Koranverse veraltert und nicht mit der heutigen Gesellschaft in Einklang zu bringen seien, und deshalb müsse man sie abschaffen. Diese selektive Sichtweise hat das Resultat zufolge, dass einige eine sehr kleine Übersicht über den Islam und allgemein über Religion haben. Sie glauben, dass die Religion, und auch der Islam, nur auf das Minimale, was der Mensch braucht, hinweise. Daher könne man auch nicht erwarten, dass man aus dem Koran die lebensgrundlegenen Verordnungen, wie ethische, kulturelle, wirtschaftliche oder politische Aspekte, herausdefinieren könne. Dieser Sichtweise zufolge sei die Religion nicht in der Lage, alle Aspekte, die das menschliche Leben betreffen, zu decken. Solche Leute glauben, die Religion sei eine persönliche Erfahrung, und jeder könne sie – je nach seinen Gottesanbetungen in den Stunden der Einsamkeit – erhalten und erfahren. So dürfe man nicht erwarten, dass so eine Erfahrung die Lebensgrundregeln beinhalte.

Stellung der Religion bei der Rechtleitung der Gesellschaft

Was man unbedingt beachten muss, ist, dass die Religion eine Schlüsselrolle bei der Rechtleitung des Individuums und der Gesellschaft spielt. Daher müssen die Gläubigen an die wichtige Rolle der Religion bei der Erziehung und Rechtleitung der Menschen in der Gesellschaft glauben. Die heutigen ethischen Probleme und Herausforderungen in der Gesellschaft kommen von der Distanzierung von den religiösen Lehren. Diese Distanzierung kommt daher, weil die Wahrheit der Religion sich nicht – so wie es sein soll – im Leben der Menschen manifestiert hat.

Wie gesagt, der Hauptgrund für die ethischen Probleme in der Gesellschaft ist, dass die religiösen Tatsachen in Vergessenheit geraten. So müssen diejenigen, die religiöse Sorgen im Leben haben, in erster Linie sich der wichtigen Rolle der Religion bei der Erziehung und Recgtleitung der Menschen in der Gesellschaft klar werden, und daran glauben, dass der Mensch für seine Seeligkeit im Dies- und Jenseits die Religion benötigt, und auch, um sich vor den Schäden und Schädlingen zu bewahren.

Religiöse Sichtweise

Religiöse Sichtweise bedeutet, dass ein gläubiger Mensch eine richtige Sichtweise und Weltanschauung haben muss, um sein Verhalten sich selbst und anderen gegenüber regeln zu können. Diejenigen, die eine konstante und religionsbasierte Sichtweise haben, besitzen nämlich eine tiefgründige und weitreichende Sichtweise und Verständnis. Sie versuchen, bei Unfällen und Katastrophen eine geeignetes Verhalten vorzulegen, und nicht zu übertreiben. Auch unter den Forschern existiert die Meinung, dass die Sichtweise von Gedanken, Glauben, Gefühlen und Neigungen herrührt.

Im Koran wird erwähnt, dass die Ursachen, die die Sichtweisen der Menschen – je nach Bedingung – formen und ändern, unterschiedlich sind. Zum Beispiel ahmt ein Kind, das noch nicht in der Lage ist, zu verstehen und zu analysieren, den anderen nach. So ist die Rolle der Eltern und Pädagogen in diesem Lebensabschnitt sehr gravierend – Imam Ali (gegrüßet sei er) sagt in diesem Zuammenhang: „Das Erlernen von Wissenschaften im Kindesalter ist wie eine Gravur auf einem Stein.“[1] In einer anderen Überlieferung von Amam Sadegh (gegrüßet sei er) steht: „Lehret euren Kindern die Hadith, bevor die Murdschi'a[2] sie auf Irrwege verführen.“[3] Aus diesem Grund wird auch den Eltern empfohlen, während ihr Kind noch nicht zur Welt gekommen ist, das Gebet und die Koranrezitation nicht zu verpassen, und nach der Geburt, als erstes in seinem rechten Ohr das „Azan“[4], und in seinem linken Ohr das „Iqama“[5] zu flüstern. Diese Empfehlungen sind dafür, damit der Erziehungsablauf eines Menschen schon ab der Geburt den richtigen reigiösen Verordnungen verläuft, damit auch die Sichtweise richtig geformt wird. Schon aus diesem Grund sind die Eltern das beste Verhaltensvorbild für das Kind und müssen besonderen Acht auf ihr Verhalten geben. Im Erwachsenenalter ist diese Nachahmung in einer anderen Form gravierend. Beispielsweise können die Wiederholung der Tagesgebete, die täglichen und wöchentlichen Gebete, und Teilnahme an den religiösen Zeremonien, eine große Hilfe bei der Bildung einer richtigen Sichtweise sein. Der Koran legt großen Wert auf die Rolle des Vorbildes und auf die Nachahmung, und sagt: „Ihr habt doch ein schönes Beispiel in Abraham und denen, die mit ihm waren“.[6]

Ein weiterer Aspekt, der in der Formung der religiösen Sichweise eine wichtige Rolle spielt, ist die Konzentration auf „Verstand und Logik“. Im Koran wird auf verschiedenen Weisen im Leben der Propheten darauf hingewiesen, wie, wenn Prophet Abraham die Sichtweise der Menschen zu ändern versuchte. Koran sagt darüber: „Als nun die Nacht ihn umhüllte, sah er einen Stern. Er sagte: «Das ist mein Herr.» Als der aber verschwand, sagte er: «Ich liebe die nicht, die verschwinden.»[7] Hier wird darauf hingewiesen, dass alles, was verschwindet, einem Gesetz unterlegen ist, und aus diesem Grund kein Überlegener sein kann. So ist es eine Schöpfung und was eine Schöpfung ist, kann auch kein Schöpfer des Daseins sein. Auf dieser Weise überzeugte er die Sternenanbeter, wies sie auf ihr Fehler hin, und korrigierte somit den Fehler, der sich in ihnen gefestigt hatte. Auch mit den Götzendienern kommt Abraham mit Logik vor. Als Abraham – als Lehrer des Monotheismus – gefragt wird, ob er die Götzen zerschlagen hat, sagt er, um sie auf ihre falsche Ideologie aufmerksam zu machen, und sie von der Anbetung dessen, was falsch ist, zu befreien: „(Er sagte:) «Nein, getan hat das dieser da, der Größte unter ihnen. Fragt sie, so sie reden können.»“[8] Dieser Satz erweckte viele von ihnen aus ihrer Unwissenheit, und führte dazu, dass sie sich tadelten. Danach sagte Abraham: „(Er sagte:) «Wie könnt ihr anstelle Gottes das verehren, was euch nichts nützen und nicht schaden kann? »“[9] Solche Vorgehensweise und Begründung führt dazu, dass der Zuhörer seine falsche Sichtweise ändert. Man darf natürlich nicht vergessen, dass der geeignete Zeitpunkt für die Änderung der Sichtweise besonders wichtig ist. Ein Lehrer und Pädagoge muss all diese Faktoren in Betracht ziehen und sich um die Änderung der Denkweise bemühen. Schon aus diesem Grund hat das „Denken“ im Islam eine besondere Stellung. Imam Ali (gegrüßet sei er) sagt dazu: „Kein Wissen ist wie denken“[10], und eine weitere Weisheit besagt: „Eine Stunde denken ist besser als ein Jahr beten.“[11]

All dies besagt, dass Nachdenken, einerseits die Grundlage dafür schafft, damit der Mensch aus seiner Unwissenheit erwacht und klar sieht, und andererseits ihn rüttelt, damit er sich verbessert und mit sich ins Klare kommt. Aus diesem Grund wird auch im Koran und in den Überlieferungen dem Nachdenken großen Wert beigemessen.

 



[1] الْعِلْمُ مِنَ الصِّغَرِ كَالنَّقْشِ فِي الْحَجَر Majlessi, Mohammad Bagher, Bahar al-Anvar, Band 1, S. 224. In einer ähnlichen Überlieferung vom Propheten des Islams steht: „مَثَلُ الّذي يَتَعلَّمُ في صِغَرِهِ كالنَّقشِ في الحَجَر Das Lernen von Wissen im Kindesalter ist wie eine Gravur auf dem Stein, al-Mottaqi al- Hindi, Konzol ammal, Band 10, S. 249

[2] Eine Sekte aus der frühen Zeit des Islam, die eine Lehre vertrat, in der der Mensch nicht als Richter auftreten solle.

[3] Toussi, Mohammad bin al-Hassan, Tahzib al-Ahkam, Band 8, S. 111, Überlieferung 381, Teheran, Darol Kotob al Islamiya, 4. Auflage, 1407 nach dem Mondkalender

[4] Aufruf zum Tagesgebet

[5] Zweiter Aufruf zum Tagesgebet

[6] قَدْ كَانَتْ لَكُمْ أُسْوَةٌ حَسَنَةٌ فِي إِبْرَاهِيمَ وَالَّذِينَ مَعَهُ, al-Mumtahina, Vers 4

[7] فَلَمَّا جَنَّ عَلَيْهِ اللَّيْلُ رَأَىٰ كَوْكَبًا ۖ قَالَ هَـٰذَا رَبِّي ۖ فَلَمَّا أَفَلَ قَالَ لَا أُحِبُّ الْآفِلِينَ, al-An´am, Vers 76

[8] قَالَ بَلْ فَعَلَهُ كَبِيرُهُمْ هَـٰذَا فَاسْأَلُوهُمْ إِن كَانُوا يَنطِقُونَ, al-Anbiya, Vers 63

[9] قَالَ أَفَتَعْبُدُونَ مِن دُونِ اللَّـهِ مَا لَا يَنفَعُكُمْ شَيْئًا وَلَا يَضُرُّكُمْ, al-Anbiya, Vers 66

[10] لَا عِلْمَ كَالتَّفَكُّر, Nahdschulbalaqe, Weisheit 113

[11] Ayyashi, Mohammad bin Massoud, Tafsir al-Ayyashi, Band 2, S. 208. Eine ähnliche Überlieferung von Imam Sadegh besagt: „أَنَّ تَفَكُّرَ سَاعَةٍ خَيْرٌ مِنْ قِيَامِ لَيْلَة, Eine Stunde Nachdenken ist besser als eine Nacht zu beten., Kellini, Mohammad bin Yaqoub, al-Kafi, Band 2, S. 54


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